Sprache

Prof. Dr. Corina Caduff [BFH Hochschule der Künste]

Sprache und Sprechen ist in Sterbesettings allgegenwärtig. Eine neue Konjunktur von autobiografischen Sterbeberichten – von Blogs im Internet bis hin zu letzten Büchern von Schriftsteller*innen – belegt die aktuelle Relevanz des Sprechens angesichts des bevorstehenden Todes und ermöglicht eine neue Erforschung von Sterbenarrativen. Sterbeberichte verhandeln Ängste und Wünsche, Wissen und Nicht-Wissen: Sie bewegen sich zwischen medizinischen Daten und Hoffnung, zwischen numerischen Statistiken und möglichen Abweichungen, zwischen Todesvorstellungen und Lebenwollen.

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In narratologischen Untersuchungen von publizierten Texten und von alltäglichen Sprechweisen werden wiederkehrende Erzählmuster daraufhin befragt, wie sie das Verständnis und die Erfahrung des Sterbens prägen. Wie reflektieren Sterbenarrative pflegerische, gestalterische und religiöse Praktiken in den Sterbesettings? Wie wirken die Narrative ihrerseits auf die Praktiken zurück? Das Quellenmaterial umfasst u.a. autobiografische Sterbeberichte in verschiedenen Medien – Literatur, Text- und Videoblogs im Internet, Reality-Shows im Fernsehen, Dokumentarfilme – sowie Studien, die auf Interviews mit Sterbenden beruhen.

Kommunikationsdesign

Prof. Dr. Arne Scheuermann [BFH Hochschule der Künste]
Tina Braun [Doktorandin]

Beim Praxispartner, dem Zentrum für Palliative Care am Stadtspital Waid Zürich, erfolgt eine Datenerhebung zu Arbeitskleidung, Broschüren, Signaletik, Wegleitungen für Eintrittsgespräche etc. Auch Kommunikationsmittel von anschliessenden Bereichen des Stadtspitals Waid wie Ernährungsberatung, Sozialer Dienst, Akutgeriatrie und Onkologie kommen in Betracht. 

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Ergänzend sind Websites weiterer Fach-Institutionen zu konsultieren. Die Daten werden mittels rhetorischer Designanalyse und leitfadengestützter Interviews [mit Kommunikationsverantwortlichen des Praxispartners] daraufhin untersucht, welche Absichten und Wirkungen mit den Gestaltungsmitteln einhergehen. Auf dieser Basis kann das Prototyping von ausgewählten Kommunikationsmitteln einsetzen.

Produktdesign

Prof. Bitten Stetter [BFH Hochschule der Künste/ZHdK]

Gestaltet Dinge, wie Verbrauchsmaterial, Hilfsmittel, medizinische Instrumente und auch religiöse und biographische Objekte, sind in Sterbesettings omnipräsent. In einer design-ethnographischen und partizipativen Untersuchung, die am Zentrum für Palliative Care des Stadtspitals Waid Zürich, durchgeführt wird, können Angehörige und Gesundheitsfachpersonen ihre Umgebung mittels Cultural Probes und Workshops neu beleuchten. Welche Materialien, Objekte oder Begriffe regen Gespräche an? Wie riecht das Lebensende, und wie sieht ein Wunsch-Sterbezimmer aus? 


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Anschliessend werden prototypische Designvorschläge für ca. ein Dutzend Produkte entworfen, die unter anderem den Lebensraum Bett und Kommunikationshilfen betreffen. Die Prototypen werden als freiwillige Angebote in verschiedenen Institutionen der Palliative Care in der Schweiz verteilt und beim Praxispartner während mehrerer Wochen implementiert und evaluiert. Der mehrstufige integrative Prozess soll den Beteiligten neues Wissen – z.B. über körperliche Veränderungen und Flüssigkeitsaufnahme – vermitteln sowie die einfühlsame Kommunikation und Selbstbestimmung in der Palliative Care fördern. 

Religion

Dr. Francis Müller [Zürcher Hochschule der Künste]
Gaudenz Metzger [Doktorand]

Bei einer schweren Erkrankung und Anzeichen eines nahenden Todes gewinnen religiöse bzw. spirituelle Fragen an Bedeutung. Diese werden manchmal in materiellen Dingen sichtbar; sei es in persönlichen Gegenständen, Erinnerungsobjekten oder Geschenken. Zugleich manifestieren sich individuelle Formen von Religiosität in alltäglichen Handlungen, Mikroritualen, Sprache und medizinischen Therapien und Praktiken. Ausgehend von öffentlich zugänglichen Bestandsaufnahmen von religiös konnotierten Objekten in Palliativ Care Stationen, Text- und Videoblogs im Internet sowie Interviews mit Fachpersonal und Sterbenden untersucht das Projekt, welche Formen des Religiösen in Sterbesettings sichtbar werden und welche Bedeutung diese für personale und kollektive Identitäten besitzen. 


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Eine erste Erhebung solcher Gegenstände basiert auf dem von der Perspektive Sprache, Design und Pflege bereitgestellten, gemeinsamen Datenkorpus. Der Vergleich des in Sterbesettings aufgefundenen Datenmaterials soll es erlauben, wiederkehrende Merkmale zu identifizieren, die auf entsprechende institutionalisierte oder individualisierte religiöse Praktiken hinweisen. Zugleich wird in öffentlich zugänglichen sprachlichen und bildlichen Selbstzeugnissen von Sterbenden nach religiös-spirituellen Identitätsmustern gesucht. Weiter werden narrative Interviews mit Gesundheitsfachpersonen und mit Patienten*innen beim Praxispartner sowie mit Ritualbegleitenden und Seelsorgenden aus der Schweiz durchgeführt. Im interdisziplinären Austausch mit den anderen Perspektiven soll die Rolle der kursierenden Sterbenarrative und der aufgefundenen Formen des Religiösen für die Erzeugung von prämortalen Identitätskonzepten herausgearbeitet werden.   

 

Pflege

Prof Dr. Eva Soom Ammann [BFH Gesundheit]
Julia Rehsmann [Postdoc]

Stärker als in anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung wird in der Palliative Care der Anspruch verfolgt, pflegerisches Handeln von den individuellen Wünschen und Bedürfnissen Sterbender und ihren Angehörigen leiten zu lassen und im Sinne der Transprofessionalität alle Beteiligten auf Augenhöhe miteinander agieren zu lassen. Entsprechend formulierte Ideale, welche auch als Gegenentwürfe zur hochprofessionalisierten und funktional ausdifferenzierten Gesundheitsversorgung betrachtet werden können, stossen in der praktischen Umsetzung allerdings (noch) auf Herausforderungen. 

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Sterbesettings werden materiell, narrativ und interaktiv gestaltet. Insbesondere in der (non-verbalen) Kommunikation, aber auch im kooperativen Handeln auf Augenhöhe und über Rollengrenzen hinweg – auch jenseits von Profession und Professionalität – besteht jüngsten Forschungen zufolge noch Optimierungspotential. Im Rahmen einer Feldforschung am Zentrum für Palliative Care des Stadtspitals Waid Zürich wird die alltägliche Praxis im Setting der stationären spezialisierten Palliative Care beobachtend erschlossen. An dieser Praxis sind die Sterbenden sowie die Professionen Pflege und Medizin beteiligt, aber auch andere Fachpersonen sowie Angehörige und ggf. Freiwillige. Es wird untersucht, welche Akteure sich wie einbringen (können) und nach welchen Vorannahmen und Narrativen einzelne Praktiken gestaltet werden. Ganz besonders interessiert dabei auch, welches kreative Potential situative Praktiken zu entfalten vermögen, um bestehende Vorannahmen zu hinterfragen und zu modifizieren. Wie liesse sich dieses Potential, allenfalls sogar über die Sterbesettings hinaus, für die Gesundheitsversorgung produktiv machen?

Artist in Residence

Eva Wandeler

Die Künstlerin Eva Wandeler ist im Forschungsprojekt durchgehend zu Gast und ergänzt die vier Perspektiven durch einen freien künstlerischen Zugang zu Sterbesettings, in dessen Fokus Bildwelten vom Sterben stehen. Imaginäre Bilder vom Sterben werden mit der Frage verknüpft, welche Artvon bildender Kunst auf Palliativstationen zu finden ist, wie diese die Räumlichkeiten prägt, nach welchen Kriterien Kunst für Palliativstationen in Auftrag gegeben bzw. ausgewählt wird und welche Vorstellungen vom Sterben diesen Kriterien inhärent sind.

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Die Recherchen zu imaginierten Bildwelten und zur Kunst in der Palliative Care werden zudem um Material des Forschungsprojektes – Sprachbilder, Bilder der visuellen Kommunikation, Bilder von religiös-spirituellen Gegenständen, Auskünfte von Sterbenden und ihren Angehörigen zu den vorhandenen Bildern – erweitert. Wandeler, die sich in ihren Arbeiten mit Ritualen in Bezug auf Dinge, Räume und Materialien auseinandersetzt, wird die Befunde anschließend in künstlerische Werke wie Video-Performances übertragen, um sowohl private und intime Momente des Sterbeprozesses als auch gesellschaftliche Vorstellungen des Sterbens zu reflektieren und dabei unterschiedliche Subtexte des Sterbens (z.B. Zerfall, Schmerz) und dominante Bildzitate (Naturbilder, brennende Kerzen) künstlerisch auszuloten. Die entstandenen Werke werden an den Projekttagungen und in Einrichtungen der Palliative Care präsentiert und diskutiert.